Eine (weitere) persönliche Reflexion über Resonanz, Beziehungen und Prozessbegleitung
In einem früheren Beitrag habe ich beschrieben, warum nicht allein Lösungsgeschwindigkeit, sondern vor allem Beziehungsqualität über den Erfolg von Transformationsprozessen entscheidet. Resonanz, Vertrauen und die Erfahrung, tatsächlich gehört zu werden, schaffen eine Grundlage, auf der Menschen miteinander handeln wollen.
Inzwischen beschäftigt mich eine weiterführende Frage: Wie lässt sich ein solches Beziehungsgewebe über einzelne Workshops, Projekte und engagierte Personen hinaus erhalten? In unserer Arbeit sprechen wir dabei häufig von „Institutionalisierung“. Doch trifft dieser Begriff tatsächlich das, was verstetigt werden soll?

Das Spannungsverhältnis zwischen Ergebnisorientierung und Beziehungsbildung
In der Vergangenheit war mein Blick häufig stärker auf Ergebnisorientierung gerichtet:
Wie kann ich inmitten der Komplexität, die im Zusammenspiel von Menschen, Unternehmen und Organisationen entsteht, eine gemeinsame Zielorientierung ermöglichen?
Das bleibt für mich eine wertvolle Frage. Prozesse brauchen Orientierung. Menschen wollen wissen, woran sie gemeinsam arbeiten und was sie erreichen möchten. Daneben tritt für mich nun aber eine zweite Frage:
Wie kann ich Beziehungen zwischen Menschen, Gruppen und Organisationen ermöglichen, aus denen die Lust entsteht, miteinander zu arbeiten, sich gemeinsam auszurichten und Verantwortung für den weiteren Prozess zu übernehmen?
Das ist kein grundsätzlicher Zielkonflikt. Es sind aber zwei unterschiedliche Ausgangspunkte. Die erste Frage beginnt mit dem angestrebten Ergebnis und fragt, wie Menschen dorthin gelangen können. Die zweite beginnt bei den Menschen und ihren Beziehungen und fragt, was daraus hervorgehen kann. Gerade dieses Spannungsfeld macht wohl gute Prozessbegleitung aus. Ergebnisorientierung soll dadurch nicht durch Beziehungsorientierung ersetzt werden. Mir wird immer klarer, dass nachhaltige Ergebnisse selten allein aus klaren Zielen, guten Methoden und konsequenter Steuerung entstehen. Sie brauchen ein Beziehungsgewebe (social fabric) und einen geschützten Raum (social architecture), damit sich das Beziehungsgewebe festigen kann.
Vom Sozialkapital zum Social Fabric
In unserer Arbeit bei Mesopartner fragen wir uns häufig, wie Prozesse verstetigt werden können. Wie können partizipative Strukturen auf Dauer bestehen? Wie lassen sich Beziehungen zwischen Unternehmen und Verwaltung oder zwischen zivilgesellschaftlichen Gruppen, Verbänden und anderen Akteuren in einer Stadt oder Region langfristig sichern? Wir sprechen dann häufig vom Ziel, den Prozess zu „institutionalisieren“.

Dieser Begriff ist nicht falsch. Es braucht Strukturen, Verantwortlichkeiten, Routinen und manchmal auch formelle Vereinbarungen, damit ein Prozess nicht endet, sobald einzelne engagierte Personen ausscheiden oder eine Projektförderung ausläuft. Und doch bleibt etwas außen vor: die menschliche Qualität dieser Beziehungen. Der englische Ausdruck “creating a social fabric” eröffnet für mich eine andere Perspektive. Ein social fabric, ein soziales Gewebe, wird nicht einfach hergestellt oder eingerichtet. Es wird aus vielen einzelnen Beziehungen gewoben. Manche Fäden verbinden Menschen in einer vertrauten Gruppe. Andere Fäden schaffen Brücken zwischen Gruppen, die bisher nur wenig miteinander zu tun hatten. In der Sprache des Sozialkapitals spricht man dann auch von bonding social capital und bridging social capital. Beides ist notwendig: Beziehungen innerhalb einer Gruppe schaffen Vertrauen, Zugehörigkeit und Halt. Beziehungen über bestehende Grenzen hinweg bringen andere Erfahrungen und Sichtweisen ein und eröffnen neue Möglichkeiten. Bonding schafft Zusammenhalt, Bridging schafft Offenheit und Bewegung.
Das Bild des Webens macht aber auch deutlich: Dieses soziale Gewebe entsteht nicht auf einmal. Es braucht Zeit, Begegnung, gemeinsame Erfahrungen und immer wieder die Bereitschaft, einander zuzuhören und aufeinander zu antworten. Es kann gestärkt werden, bleibt aber lebendig und verletzlich.
Stärkung einer sozialen Architektur vs. Resonanz institutionalisieren
Damit komme ich zurück zu dem Begriff der “Institutionalisierung”. Wie können wir ein solches Beziehungsgewebe verstetigen, ohne es durch zu viel Formalisierung seiner Lebendigkeit zu berauben? Resonanz lässt sich nicht verordnen. Vertrauen kann nicht beschlossen und Zusammenarbeit nicht allein durch eine Kooperationsvereinbarung hergestellt werden. Wir können aber Bedingungen schaffen, unter denen Beziehungen entstehen und wachsen können. Wir können Räume für Begegnung schützen, Formen des Zuhörens etablieren, unterschiedliche Stimmen in Entscheidungen einbeziehen und regelmäßige Gelegenheiten für gemeinsame Reflexion schaffen.

Mir fällt hier der Begriff der social architecture hier ein. Er wurde im englischen Raum vor allem in dem Organisationsdesign und in der Stadtplanung verwendet, um die bewusste Gestaltung von menschlichen Beziehungen, Organisationsstrukturen und Arbeitsumgebungen zu beschreiben. Hierzu zählen auch die Schaffung von Räumen, Regeln und Formaten, die die Zusammenarbeit ermöglichen. Die soziale Architektur bildet dabei das Gerüst, an dem sich ein soziales Gewebe entwickeln und stabilisieren kann.
Die Aufgabe der Prozessbegleitung besteht deshalb wohl nicht nur darin, einen Prozess zu moderieren oder zu einem Ergebnis zu führen. Sie besteht auch darin, auf die Qualität der Beziehungen zu achten und gemeinsam mit den Beteiligten eine soziale Architektur zu entwickeln, die dieses Beziehungsgewebe trägt. Dabei bleibt eine wichtige Spannung bestehen: Eine soziale Architektur kann Resonanz ermöglichen, aber nicht erzeugen. Sie gibt dem entstehenden Gewebe Halt, darf es jedoch nicht festsetzen, sodass Bewegung und Entwicklung mehr eingeschränkt wird.
Ich werde weiter erkunden, wie ich Resonanzbeziehungen stärker in meine Arbeit einweben kann. Dadurch verändert sich gerade auch mein Verständnis von Verstetigung: weg von der Vorstellung, dass ein Prozess vor allem durch Strukturen institutionalisiert werden muss, hin zu der Frage, wie Strukturen und Beziehungen gemeinsam ein tragfähiges soziales Gewebe bilden können.
One thought on “Vom Institutionalisieren zum Einweben”