Der Donut: Wesentliche Aspekte und aufwerfende Fragen des Ansatzes für die Wirtschaftsförderung

“Nachhaltige Zukunftsstädte und Gemeinden“ (III)

„Städte haben in diesem Jahrhundert die Chance, die Zukunft der Menschheit zu gestalten und im Gleichgewicht mit dem Rest des lebenden Planeten zu gedeihen.“ (Doughnut Economics Action Lab, übersetzt aus dem englischen mit Deepl.com)

Der Gedanke hinter dem obigen Zitat fordert unser Verständnis von lokaler Wirtschaftsentwicklung in vielerlei Hinsicht heraus. Wie definieren wir eine gesunde, florierende lokale und nationale Wirtschaft, die lokale Chancengleichheit eröffnet, respektvoll umgeht mit den lokalen aber auch mit den internationalen menschlichen und ökologischen Ressourcen? Welches Verständnis von lokaler wirtschaftlicher Entwicklung und welches Handeln ist notwendig, um die Lebensbedingungen innerhalb unserer planetarischen Grenzen für die Mehrheit der Bürger zu verbessern? Wie lassen sich die vorhandenen Material- und Wissensressourcen für einen menschenwürdigen Entwicklungspfad am besten nutzen und freisetzen? 

Grafik 1: Das Donut-Modell

Quelle: Doughnut Economics Action Lab

Der Ansatz bzw. der theoretische Rahmen der Donut-Ökonomie sowie die internationalen Aktivitäten von Donut-Ökonomie-Labs in ganz unterschiedlichen Städten liefern gute und praktische Veränderungsanstöße. Sie fordern uns heraus, unsere eigene Praxis zu überdenken. In zwei Blogs werden wir über den Donut-Ansatz und und von ihm ausgehende Denkanstöße reflektieren. In diesem Blog fassen wir die aus unserer Sicht wesentlichen Aspekte des Ansatzes zusammen und werfen Fragen auf, die sich für unsere Arbeit und die Arbeit der lokalen Wirtschaftsförderung stellen. Im nächsten Blog schauen wir ganz konkret, wie der Donut-Ansatz von verschiedenen Städten und lokalen Initiativen umgesetzt wird. Wir stellen konkrete Instrumente vor, die aus unserer Sicht neue Perspektiven für die Arbeit eröffnen.

Zwei Gründe, warum „der Donut“ internationale Aufmerksamkeit gewonnen hat

Die Publikation „Doughnut Economics (Donut-Ökonomie)“ der britischen Ökonomin Kate Raworth hat seit ihrer Veröffentlichung im Jahr 2017 internationale Aufmerksamkeit erhalten, sowohl von der Klimawandelbewegung als auch aus der Wissenschaft. Der Ansatz wurde vor allem aus zwei Gründen zu einem Symbol für ein neues Wirtschaftsdenken: 

1) Raworth stellt die Denkweise der traditionellen wachstumsgetriebenen Wirtschaftsmodelle und deren linearer Vorstellung von gesunder Wohlstandsentwicklung in Frage, weil in ihnen die ökologischen und sozialen Kosten nie einkalkuliert wurden. 

2) Sie fordert und fördert einen „gesünderen„, „eingebetteteren“ und „gedeihlicheren“ wirtschaftlichen Entwicklungsansatz, bei dem nicht das BIP der entscheidende Entwicklungsindikator ist, sondern die gesunde Balance zwischen ökologischem, sozialem und wirtschaftlichem Fortschritt. 

Wir fassen im folgenden die aus unserer Sicht wichtigsten Aspekte und Werte des Ansatzes als auch die Fragen, die daraus für unsere Arbeit entstehen, zusammen.

Der Donut-Rahmen

Raworth kombiniert in ihrem Donut-Rahmen (Grafik 1) den 2009 entwickelten Ansatz der planetarischen Grenzen (entwickelt von führenden Erdsystemwissenschaftlern vom Stockholm Resilience Centre um Johan Rockström et al 2009) mit den nachhaltigen Entwicklungszielen der Vereinten Nationen (SDGs) für den Zeitraum 2016 bis 2030. Die Logik des Donuts ist einfach zu verstehen.

Er besteht aus zwei Ringen. Der äußere Ring symbolisiert die neun globalen ökologischen Belastungsgrenzen oder auch Gemeinschaftsgüter der Erde (siehe Grafik 1). Jenseits der Grenzen liegen die sogenannten „Kipppunkte“ die zu inakzeptablen und irreversiblen  Umweltzerstörungen führen. Der innere Ring stellt das gesellschaftliche Fundament für menschliche Entwicklungschancen dar. Es definiert sich aus den sozialen Mindeststandards der 17 globalen Nachhaltigkeitsziele (s.o.). Sie sollen sicherstellen, dass alle Menschen Zugang zu den Grundbedürfnissen des Lebens haben. 

Der Raum zwischen den beiden Ringen oder Begrenzungen – die „Substanz“ des Donuts – ist der „sichere und gerechte Ort für die Menschheit“, der eine sichere Zone darstellt. In dieser sollen lokale und globale Gesellschaften ermutigt werden, wirtschaftlich zu gedeihen. Voraussetzung dabei ist, dass die sozialen Grundbedürfnisse für alle Menschen und die ökologischen Grenzen des Planeten berücksichtigt sind. Die Aufgabe besteht darin, die Menschheit in diesen sicheren und gerechten Raum zu bringen und sowohl ein ökologisches Überschiessen („Overshoot“) als auch einen Entwicklungsmangel („Shortfall“) oder Entwicklungsdefizit zu verhindern.

Grafik 2: Das eingebettete Wirtschaftsmodell des Donut

Schlüsselaspekte des Donut 

Es gibt einige Schlüsselaspekte, die den roten Faden im Donut-Ansatz bilden: 

  1. Der Ansatz der eingebetteten Ökonomie (embedded economy): Die Wirtschaft muss  in die Gesellschaft und in die Umwelt eingebettet sein. Dafür muss die Wirtschaftsförderung „die vielfältigen Möglichkeiten anerkennen und eine Antwort darauf geben, wie sie die Bedürfnisse und Wünsche der Menschen erfüllen kann“ (Raworth, 2017:71). Der Begriff „eingebettet“ ist nicht allein auf die Balance der beiden Ringe des Donuts ausgerichtet. Im Unterschied zu klassischen Wirtschaftsmodellen, die sich hauptsächlich auf die Kräfte des freien Marktes (mit den Unternehmen als Subjekte) und den Staat als regulierenden und verteilenden Faktor konzentrieren, fordert der Donut-Ansatz, auch Haushalte und die Gemeingüter als zentrale Wirtschaftsfaktoren zu berücksichtigen bzw. „einzubetten“). Sie sind in der Regel das Fundament, auf die die formale Wirtschaft erst gedeihen kann. Wenn sowohl die unbezahlte tägliche Haushaltsarbeit (einschließlich Subsistenzarbeit, Arbeiten im informellen Sektor überwiegend von Frauen verrichtet) als auch Gemeingüter, die für viele Lebensräume und Menschen Werte schaffen, nicht als Wirtschaftsfaktor wertgeschätzt werden, verpasst man zugleich die Chance, breitere Fördermöglichkeiten für eine florierende Wirtschaft zu nutzen.  
  2. Das Verständnis eines gedeihlichen wirtschaftlichen Entwicklungsweges (thriving economy) im Unterschied zu einem wachstumsgetriebenen Entwicklungsweg: Raworth fordert, das Ziel für Volkswirtschaften von Wachstum (gemessen am BIP) zu einer blühenden Wirtschaft (lokal, regional, national) zu ändern. Die blühende Wirtschaft agiert innerhalb des sicheren Raums des Donuts. Sie symbolisiert einen sehr dynamischen Lebensraum, der die wirtschaftlichen und sozialen Entwicklungsmöglichkeiten in einem Land oder einer Stadt voll ausschöpft. Dies beinhaltet auch Umverteilungsbemühungen, um den Zugang zu Bildung, Technologie, Wissen, Kreativität und Innovationsfähigkeiten für Individuen, Haushalte, Bürger und Unternehmen zu verbessern. Lokale  und nationale Regierungen werden hier besonders in Verantwortung gesetzt, um die menschlichen Entwicklungspotenziale für eine gesund florierende Wirtschaft freizusetzen. 
  3. Eine Kreislaufwirtschaft, die regenerativ gestaltet ist:  Ein regeneratives Ressourcenmodell ist ein Schlüsselelement des Donuts. Im Unterschied zum vorherrschenden, auf fossilen Brennstoffen basierenden und linearen (degenerativen) Produktions- und Konsumsystem (Take-Make-Use-Dispose) muss eine florierende und eingebettete Wirtschaft auf einem zirkulären Produktionssystem mit regenerativem Charakter (Reduce-Reuse-Recycle-Recover) basieren. Sie stellt einen wesentlichen Faktor dar für die Gesundheit und das Wohlergehen des lokalen und globalen Systems.  
  4. Die Überwindung einer isolierten lokalen oder nationalen Wirtschaftsperspektive: Das Donut-Modell bleibt in ihrer Entwicklungs- und Zielorientierung nicht auf die städtische oder nationale Ebene begrenzt. Sie fordert auch eine Weltperspektive ein, in der Bürger, Unternehmer und Regierungen nicht nur lokal sondern auch global verantwortlich handeln (hinsichtlich Konsummustern, Produktions- und Zulieferketten, Wertemustern etc.),
  5. Die führende Verantwortung der Industrieländer und Länder mit mittlerem Einkommen, deren Wachstumserfolge auf Kosten der planetarischen Grenzen aufgebaut wurden: Für viele Entwicklungsländer wird das BIP-Wachstum weiterhin notwendig sein, um aus der Armutsfalle herauszukommen. Nichtsdestotrotz fordert der Donut hier internationale Unterstützung, damit Entwicklungsländer umweltschädliche Technologien und Entwicklungsstufen überspringen können und direkt Zugang zu umweltfreundlichen Technologien erhalten. Jedes Land bleibt zugleich selbst dafür verantwortlich, hohe wirtschaftliche, soziale und ökologische Lebensstandards miteinander in Einklang zu bringen und stetig weiterzuentwickeln (Raworth 2017/254).  
  6. Das zugrundeliegende multiple Menschenbild: Ein besonderes Element des Donuts ist das darin zugrunde liegende Menschenbild. Der Mensch als „transkontextuelles“ Wesen (Nora Bateson 2016). Wir Menschen sind nicht vorwiegend rationale und egoistische, marktgesteuerte Wesen sondern komplexe, multiple Geschöpfe mit ganz verschiedenen sozialen und ökonomischen Identitäten. Raworth: „Im Haushalt können wir Eltern, Betreuer und Nachbarn sein. In der Beziehung zum Staat sind wir Mitglieder der Öffentlichkeit, nutzen öffentliche Dienstleistungen und zahlen dafür Steuern. In der Allmende sind wir gemeinschaftliche Schöpfer und Verwalter des gemeinsamen Reichtums. In der Gesellschaft sind wir Bürger, Wähler, Aktivisten und Freiwillige. Jeden Tag wechseln wir fast nahtlos zwischen diesen verschiedenen Rollen und Beziehungen.“ Dieses komplexitätssensiblere Verständnis des Menschen hatte in der Vergangenheit wenig Bedeutung in der Wirtschaftsförderung. Dis muss sich ändern. Nora Bateson (zitiert aus einem Blogbeitrag von Marcus Jenal) drückt es passend aus: „Die Komplexität unserer Ansätze muss der Komplexität des Problems entsprechen, das wir angehen wollen.“

Fragen, die der Donut für Praktiker der lokalen Wirtschaftsentwicklung aufwirft

Der Ansatz des Donuts wirft spannende Fragen für die Arbeit der Wirtschaftsförderung auf. Wir sehen diese Fragen auch als eine gute Möglichkeit, eine Diskussion und Reflexion mit anderen Kolleginnen anzustossen:

  1. Inwieweit achten wir als Wirtschaftsförderer wirklich auf die Grenzen des Erdsystems und auch die ökologischen Auswirkungen der vorgeschlagenen Maßnahmen tiefer analysiert? 
  2. Berücksichtigen und analysieren wir bei der Förderung von bestehenden Unternehmen, Investoren und Startups, Wertschöpfungsketten und Clustern an verschiedenen Standorten auch die verwobenen menschlichen Beziehungen und Auswirkungen, lokal und international? 
  3. Von welchem Menschenbild gehen wir aus bei der Förderung von Unternehmensnetzwerken, unterstützenden Organisationen und Politikberatung? Nehmen wir die Zielgruppe, die Kollegen und Kolleginnen in ihrer Transkontextualität bzw. Multi-Identität wahr oder sprechen wir sie vorwiegend als Unternehmerwesen an?
  4. In der lokalen Wirtschaftsentwicklung geht es auch um die Stärkung der Allmende bzw. des Gemeinguts, um die Förderung von Netzwerken zur Stärkung der Attraktivität und der Lebensqualität von Orten. Wir betonen oft die Notwendigkeit der Ko-Kreierung, die Nutzung und Förderung von Synergien zwischen verschiedenen Akteuren und Menschen. Doch nehmen wir auch die Gemeingüter in den Blick, die nicht allein auf Geschäfts- oder Einkommensvorteile ausgerichtet sind sondern auch soziale Gemeingüter wie u.a. ehrenamtliche Dienstleistungen oder soziale Projekte, die zur Lebensqualität des Standortes beitragen? 
  5. Was ist unser Verständnis von einer blühenden Wirtschaft? Die Haushalte tauchten bisher darin selten auf. Nur in Ausnahmen, wenn wir z.B. den informellen Sektor und die Produktionsbemühungen einiger Haushalte in einigen Entwicklungsländern betrachteten. Aber in der Regel unterscheiden wir zwischen den selbständigen Arbeitern, die allein um ihr eigenes Überleben kämpfen (survival entrepeneurs) und den „wirklichen Unternehmern“ mit wirklicher Konkurrenz- und cleverer Marktorientierung. Die Diskussion um den Begriff „Entrepreneurship“ spiegelt die Diskussion um diese Gruppe von Unternehmen wieder. Konzentriert sich die Wissens- und Innovationsförderung nicht immer noch hauptsächlich auf Unternehmer, vorwiegend männlich? Welche Bedeutung haben genderdifferenzierte als auch ökologische und soziale Innovationsansätze, mit denen das Schöpfungspotenzial von Bürgern, Haushalten, Müttern, Eltern und Frauen  entdeckt und integriert wird ? 
  6. Messen wir den Erfolg unserer Arbeit immer noch hauptsächlich entlang von Wachstums- und Beschäftigungsindikatoren oder auch entlang von Lebensqualitätskriterien, menschliche Zufriedenheit und Entwicklung fokussieren? 

Eine Reflexion zu diesen Fragen ist notwendig. Sie verlangt ein neues, breiteres Innovations- und Entwicklungsverständnis in der Wirtschaftsförderung. Sie fordert uns heraus, nicht nur in Unternehmen sondern auch in der Gesellschaft kreatives Potenzial zu entfesseln. Wir sehen hier auch die Chance für menschlichere und transformativere Ansätze in unserer Arbeit. Praxisbeispiele und Instrumente aus dem Donut stellen wir in dem nächsten Blog vor.

Guido Zakrzewski und Frank Waeltring

Quellen

Raworth, Kate (2017): Doughnut economics, Seven ways to Think Like a 21st-Century Economist, Pinguin Radom House UK, London. 

Rockström, Johan (2009): A safe operating space for humanity, Nature, 461:472-475. 

Nora Bateson (2016): Small Arcs of Larger Circles: Framing Through Other Patterns. 

Vorherige deutsche Blogs der Serie

Ankündigung der Serie

Vorherige deutsche Blogs der Serie

Blog 1 der Serie auf deutsch
Blog 2 der Serie auf deutsch

Vorherige englische Blogs der Serie

Announcement of the English Series
Blog 1 from the series

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.