In unserer Arbeit zu lokalen und regionalen Transformationsprozessen betrachten wir insbesondere die wirtschaftlichen Strukturen und die beteiligten Akteure. Hierzu zählen Ökonomie-Mappings mit den wirtschaftlichen Strukturen wie Sektoren, Wertschöpfungsketten, Märkten, Unterstützungsdienstleistern und Akteursmappings mit den Organisationen und ihren Netzwerkbeziehungen.
Im Rahmen eines Fortbildungsseminars der School of Participation hatte ich die Gelegenheit, theaterpädagogische Methoden und systemische Aufstellungen zu erleben. Beide Ansätze zielen darauf ab, Systeme und organisatorische Konstellationen stärker auf der emotionalen Ebene wahrzunehmen und dadurch ein tieferes Verständnis zu ermöglichen (siehe LinkedIn-Posts-Foto)

(Danke an dieser Stelle an Josef Merks für sein Seminar über demokratische Aufstellungen und an das Labor für Theater und Gesellschaft für die Einblicke durch die theaterpädagischen Übungen!)
Da wurde mir bewusst: Was in unseren Mappings oft fehlt, ist die Frage, wie Akteure oder Menschen im Prozess ihre Situation eigentlich erleben. Viele Dynamiken, die wir in Projekten beobachten, lassen sich nicht allein durch Daten, Strukturen oder die Darstellung bestehender Beziehungen erklären. In vielen Regionen ist etwas spürbar, das sich nur schwer greifen lässt: Unsicherheit, Zurückhaltung, manchmal auch Misstrauen. Wir kennen die Erfahrung, dass Prozesse nicht wirklich in Gang kommen – dass von außen initiierte Initiativen bisweilen wie ein Fremdkörper wirken, weil sie nicht von innen getragen werden. Auffällig ist, dass genau diese Dynamiken nur selten explizit thematisiert werden, obwohl sie einen erheblichen Einfluss darauf haben, wie Entscheidungen entstehen und ob Zusammenarbeit überhaupt zustande kommt.
Demokratische Aufstellungen (nach Josef Merks) zielen darauf ab, Gefühle spürbar werden zu lassen. Denn Gefühle sind ein zentraler Bestandteil von Beziehungen. Wenn wir sie wahrnehmen, werden die in ihnen enthaltenen Informationen zugänglich – ebenso wie die Art und Weise, wie Beziehungen erlebt werden. Daraus können neue, kollektive Handlungsmöglichkeiten vor Ort entstehen.
Für mich stellt sich deshalb eine ganz praktische Frage: Wie lässt sich diese Wahrnehmung von Gefühlen – und ihre Übersetzung in Information und neue Handlungsmöglichkeiten – systematisch in unsere Analyseprozesse integrieren?
Mir fallen hier als erstes zwei Ansätze ein, die ich weiter ausprobieren möchte:
1. In Feldinterviews und Analysen weitere Fragen einfügen
Wir bleiben bei unseren unterschiedlichen Analyseansätzen zu Märkten, Netzwerken und Potenzialen und Nachhaltigkeitsaspekten, ergänzen aber aber gezielt Fragen, die stärker auf emotionale Eindrücke und Wahrnehmungsaspekte zielen. Anbei ein paar Beispiele:
- Was macht Ihnen aktuell am meisten Sorge, wenn Sie an die Zukunft Ihrer Region oder Ihres Unternehmens denken?
- Wo erleben Sie aktuell Offenheit für Zusammenarbeit – und wo eher Zurückhaltung? Gibt es Akteure, bei denen Sie unsicher sind, wie sie sich positionieren werden?
- Welche Themen lösen im Moment eher Energie aus?Und welche eher Widerstand?
- Mit welchen Akteuren würden Sie gerne enger zusammenarbeiten? Wo sehen Sie echte Chancen dafür?
Diese Fragen verändern die Gespräche und geben weitere Einblicke. Man bekommt nicht nur einen Eindruck davon, was passiert, sondern auch ein besseres Gefühl dafür, wie Situationen erlebt werden. Und oft erklären sich dadurch Dinge, die zuvor eher diffus geblieben sind.
2. Einfache Aufstellungen im Workshop mit wesentlichen lokalen Partnern oder im Kern-Team
Dieses Workshopformat ist eine Form, mit einer gut ausgewählten und vertrauten Gruppe von Partnern eine gemeinsame Aufstellung entlang des Analyserahmens der Systemischen Wettbewerbsfähigkeit (SysCo) durchzuführen.

Nach einem ersten Mapping der Menschen und Akteure des Raumes (z.B. mit Karten oder Post-its, siehe Bild oben) entlang unseres Modells schauen wir gezielt auf das, was zwischen ihnen wirkt.
Wir stellen Fragen wie:
– Wie stehen die Akteure zueinander? Wer ist mit wem mehr oder weniger verbunden? Wer steht wem (scheinbar) näher?
– Was wirkt im Hintergrund?
– Was gibt Sicherheit – und was eher Unsicherheit?
Darauf aufbauend arbeiten wir mit einfachen Aufstellungen, z.B. Figuren auf dem Tisch oder – je nach Gruppe – mit Personen direkt im Raum.

Es geht nicht darum, etwas „richtig“ abzubilden, sondern darum, Hypothesen zu entwerfen oder Möglichkeiten zu reflektieren oder neu zu entdecken.
Typische Fragen nach einer ersten Aufstellung (evtl. auch in mehreren Arbeitsgruppen) sind dann:
- Wie stehen diese Akteure aus einer ersten Einschätzung zueinander?
- Wo zeigt sich Nähe, wo Distanz?
- Was überrascht euch an dem Bild?
Zur abschliessenden Hypothesenbildung und identifizierung von potenziellen Handlungsmöglichkeiten folgen abschliessend im Plenum zwei Fragen:
- Könnte es sein, dass ….?
- Wenn dies zutreffen würde, was müsste folgen?
Die dabei zusammengetragenen Hypothesen und Handlungsmöglichkeiten werden dann in den weiteren Analyseprozess mitberücksichtigt.
Ich habe dies in einem ersten Praxisbeispiel erprobt und war selbst überrascht, wie schnell Spannungen und Wahrnehmungen sichtbar wurden und thematisiert werden konnten – Aspekte, über die zuvor kaum gesprochen worden war.
3. Was nehme ich abschliessend daraus mit?
Neben der wirtschaftlichen und sozialen „Landkarte“ gibt es immer auch eine dritte Ebene. Sie ist schwerer zu fassen, aber sie wirkt. Es geht in Transformationsprozessen nicht nur darum, gute Lösungen zu entwickeln, sondern auch darum, zu verstehen, in welchem Zustand sich ein System befindet und wie Veränderung dort erlebt wird.
Ich bin mir noch nicht sicher, wie weit man diese Perspektive systematisch integrieren kann. Aber es fühlt sich nach einem wichtigen nächsten Schritt an.
Wenn ihr bereits Erfahrungen mit emotionalen Landkarten gemacht oder eigene Instrumente entwickelt habt, würde ich mich über einen Austausch sehr freuen.
